Holzschnitt aus dem Mittelalter
Holzschnitt aus dem Mittelalter

Ein Brief an den Vagabunden und Dichter           François Villon

François Villon
François Villon

Lieber François Villon

 

nein, “lieb” warst Du nicht, aber “sehr geehrt” als Anrede wäre ebenfalls nicht angebracht, obwohl Dich im Nachhinein, lange, nachdem Du einfach so von der Bildfläche verschwunden warst, viele ver-ehrt haben und noch verehren. Aber “hallo” oder “hi”, nein, das geht auch nicht, vielleicht noch am ehesten “salut”, aber letztlich ist es egal, denn diesen Brief wirst Du ohnehin nicht lesen. Oder doch…?

 

Ich schreibe ihn auf jeden Fall mal und ich duze Dich auch, weil Du mir von Jugend an so vertraut warst, weiß der Kuckuck warum. Als ich 18 war, hat man mir Dein “Großes Testament” geschenkt, mit den französischen Originaltexten und einer deutschen Übersetzung, vielmehr Nachdichtung, die das Doppelte an Platz und Silben benötigte wie Du; dazu Deine bewegte Biografie, eine literaturwissenschaftliche Betrachtung und viele Anmerkungen. Ein sehr gutes Buch, ich habe es noch, und die Fotos der Holzschnitte, die ich hier auf dieser Seite bringe, stammen daraus.

 

Ein paar Jahre später kaufte ich in einer Buchhandlung in Paris, Deiner Heimatstadt, eine weitere Ausgabe Deiner Werke, von Garnier-Flammarion, mit Kommentaren und Ergänzungen zweier Literatur-Professoren.

 

Und dann habe ich an der Uni mal ein Seminar gemacht über Dich, ach, es ist schon so lange her, und ein rebellischer Kollege von mir hat, von Deinen Balladen inspiriert, ein Musical komponiert, “Lieder eines Rebellen”. Und um es nicht zu vergessen, mag ich auch die Lieder aus Brechts “Dreigroschenoper”, vor allem die - hm - “Zuhälterballade”. Wenn Lotte Lenya mit ihrem Partner den Refrain sang - “... in dem Hotel, wo unser Haushalt war…”, hätte mir eigentlich die “Ballade von Villon und der dicken Margot” einfallen müssen, - “... en ce bordeau ou tenons nostre estat…” - doch den Zusammenhang habe ich erst später hergestellt.

 

Ich weiß nicht, wie viele Literaturwissenschaftler, Poeten, Liedermacher, Sängerinnen oder auch einfach Leute mit einem Hang zu schrägen Typen sich mit Dir schon befasst haben und befassen, auf jeden Fall kommt es mir vor, als seist Du, der Du vor fast 700 Jahren kurz gelebt hast (aber wie!), aktuell wie eh und je.

 

Irgendwie hättest Du schon auch in diese Zeit heute gepasst, mit Deinem Spott über die Heuchler und Scheinheiligen, die selbstzufriedenen Spießbürger und die Winkeladvokaten. Und natürlich die Mächtigen, die infam und skrupellos ihre Macht missbrauchen… Naja, mit den Frauen hast Du auch Deine Probleme gehabt, vor allem mit einer speziellen, die Dich scheint’s an der Nase herum geführt hat. Darüber konnten Dich auch die dicke Margot und ihre frivolen Kolleginnen nicht hinwegtrösten. Du hast zwar kaum länger als 30 Jahre gelebt, aber in diesen drei Jahrzehnten hast Du nichts ausgelassen. Die Liste Deiner Missetaten ist lang, angefangen von dem Streit, bei dem Du einen Priester getötet hast, über den Einbruch in die Uni von Paris, wo Du und Deine Kumpanen angeblich 500 Goldstücke erbeutet haben, und so weiter.

 

Im Kerker hast Du gesessen und solltest gehenkt werden, wurdest dann zwar noch begnadigt, doch irgendwie hatten das Vagabunden-Dasein, die Sauf- und Bordell-Orgien, die Schlägereien und die ewigen Geldnöte schon ihre Spuren hinterlassen. So hast Du Dich denn in Deinem dreißigsten Jahr - “En l’an de mon trentiesme aage…” - entschlossen, Dein Testament zu machen. Weltliche Güter hattest Du nicht zu vermachen, aber Verse. Achtzeiler, jede Zeile acht Silben, streng gereimt, mit einem unerschöpflichen Wortschatz, der von Deiner umfassenden Bildung und Deiner grenzenlosen Phantasie zeugt. Dazu noch die Balladen, denen wir so viele unvergessliche Refrains verdanken.

 

Einer Deiner bekanntesten Kehrreime ist der vom Schnee: “Mais ou sont les neiges d’antan?” - “Aber wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?”. Klar, der vom vergangenen Jahr ist weggeschmolzen, aber es wird wieder schneien, es kommt immer wieder neuer Schnee, so wie auch Deine Themen immer wiederkehren, in immer neuen Verpackungen zwar, aber der Kern ist zeitlos. Und deshalb bist Du für mich, lieber François, einer der modernsten Dichter. Denn Du wusstest um das ewig Gültige, dass alle Menschen, egal ob Papst, Königin, Präsident, oder Hartz-4-Empfängerin, Prostituierte und Penner in der Straßenrinne - dass wir alle gleich sind am Ende: “Autant en emporte ly vens.” - Vom Winde davon geweht werden wir alle einmal…

 

Ich grüße Dich, wo auch immer Du sein magst...



Ballade des dames du temps jadis

Dictes moy ou, n’en quel pays,

Est Flora, la belle Rommaine,

Archipiades, ne Thaïs,

Qui fut sa cousine germaine;

Echo parlant quant bruyt on maine

Dessus rivière ou sus estan,

Qui beaulté ot trop plus qu’humaine.

Mais ou sont le neiges d’antan?

 

Ou est la tres sage Helloïs,

Pour qui fut chastré et puis moyne

Pierre Esbaillart a Sant Denis?

Pour son amour ot ceste essoyne.

Semblablement, ou est la royne

Qui commanda que Buridan

fust geté en ung sac en Saine?

Mais ou sont les neiges d’antan?

 

La royne Blanche comme lis

Qui chantoit a voix seraine,

Berte au grant pié, Bietris, Alis,

Haremburgis qui tint le Maine,

Et Jehanne la bonne Lorraine,

Qu’Englois brulerent a Rouen;

Ou sont ils, ou, Vierge souvraine?

Mais ou sont les neiges d’antan?

 

                         Envoi

 

Prince, n’enquerez de sepmaine

Qu’elles sont, ne cest an,

Qu’a ce reffrain ne vous ramaine:

Mais ou sont les neiges d’antan?

Ballade von den Damen vergangener Zeiten

Sagt mir: wo, in welchem Land

Flora weilt, die schöne Römerin,

Thaïs auch, die lüstereiche Buhlerin,

Archipiada, die ihr nahestand?

Echo, die in Berg und Wald

unser Rufen widerhallt?

Ihre Schönheit ohnegleichen

war so hold, berückend, klar!

Doch wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?

 

Und wo ist die zauberschöne Heloïs,

die einst alle Welt die kluge Jungfrau nannte?

Zu der Abälard in Liebesglut entbrannte,

bis ihr Oheim Fulbert ihn entmannte

und er dann im Kloster Sankt Denis

Mönch und Prior ward sogar?

Liebe hat ihm solches Leid gebracht.

Ach, wo ist die Königin, die mannstoll war

und Herrn Buridan mit ihrer Huld bedacht’,

ihm erst ihre süße Minne schenkte

und ihn dann, in einen Sack genäht, bei Nacht

heimlich in der Seine feig ertränkte?

Doch wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?

 

Blanc mit der silbersüßen

Stimme, lilienweiße, lieblich anzuschaun,

Bertha mit den großen Füßen,

Alix, Beatrix, das edle Frauenpaar,

Eremburg, die Mainelands Herrin war,

und Johanna aus Lothringens Gaun,

die zu Rouen starb den Tod im lohen Feuer,

Hexe, einst verbrannt, Heilige, uns allen teuer.

Wo sind sie, Gottesmutter, gnadenreiche immerdar?

Doch wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?

 

                             Geleit

 

Fürst, fragt nicht, wo sie geblieben,

weder jetzt noch übers Jahr!

Hört den Kehrreim, den ich hingeschrieben:

Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?

 

(Übersetzung: Walter Widmer, aus: François Villon, Das Große Testament, Winkler Verlag München)