Ich bin nicht ganz dicht -         ich dichte...

Das deutsche Wort “dichten” ist ein wunderbar bildhafter Ausdruck für das Wesen der Literaturgattung, die es beschreibt. Dichtung ist die “dichteste” Art zu schreiben. Mit einem Minimum an Wörtern ein Maximum an Inhalt auszudrücken, so ungefähr. Eine Art sprachlicher Minimalismus, der natürlich auch, wie alles, den verschiedenen Mode-Zeiten unterworfen ist, aber im besten Fall zeitlos ist.

 

François Villon hat in einem deftigen Französisch seiner Zeit die immer und ewig gültigen Freuden und Leiden des Menschen beschrieben. Charles Baudelaire - oh, wie liebe ich seine “Fleurs du Mal”, seine “Blumen des Bösen”... Sein Gedicht “Les chats” - “Die Katzen” habe ich auch mal übersetzt. Federico Garcia Lorca, der andalusische Dichter und Dramatiker, der von Schergen des Franco-Regimes ermordet wurde, hat mit seinen Dichtungen den “duende”, den Dämon des Schaffens, der Kreativität, heraufbeschworen. Seine Gedichte sind Lieder, die sanft aus dem Fenster segeln und sich zu den Abendwolken gesellen, sofern du vergisst, das Fenster zu schließen…

 

Else Lasker-Schüler, die jüdische Poetin der Melancholie, voller Ahnung, was auf sie und ihre Leidensgenossen noch zukommen würde: “Hinter meinen Augen stehen Wasser, die muss ich alle weinen…”. Heinrich Heine, Pablo Neruda, Sarah Kirsch, Johannes Kühn - meine Auswahl ist willkürlich und persönlich und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wissenschaftliche Genauigkeit. Ich liebe Dichtung und Dichter. In meiner Kindheit hatten wir zwei dicke Bände der Werke von Wilhelm Busch, und meine kleine Schwester kannte sie alle auswendig…

 

Eine jedoch ist für mich herausragend, obwohl der Großteil ihrer Dichtung verloren gegangen ist: Sappho, die Dichterin, die im 7. Jahrhundert vor Christus auf Lesbos lebte. Näheres kann man über sie auf Wikipedia nachlesen, wenn man will. Mich fasziniert vor allem die “sapphische Strophe”, ein Vierzeiler, dessen erste drei Zeilen aus je elf Silben und dessen letzte Zeile aus fünf Silben bestehen.

 

Vermutlich hatte die sapphische Strophe eine rhythmische Funktion, man rezitierte sie in einem singenden Tonfall, ähnlich den heutigen Rappern, doch Sapphos Verse hatten nichts von der Aggressivität der meisten Rapper. Dennoch, auch diese sind in der Tradition der alten Dichter, auch sie arbeiten mit dem Werkzeug der Sprache, und von daher möchte ich sie einreihen in den langen Ahnenzug der Frauen und Männer, die sich der Dichtung verschrieben haben, für immer…

 

Die sapphische Strophe ist für mich vor allem ein Mittel der Disziplin: Indem ich mich einem bestimmten Versmaß unterwerfe, bin ich gezwungen, meinen Mitteilungsdrang zu kanalisieren, nicht ausufern zu lassen, sondern mich auf das Wesentliche zu besinnen und allen Schnickschnack beiseite zu lassen. Ein schwieriges, doch reizvolles Unterfangen. Ich möchte auf dieser Webseite eine Reihe von Gedichten in sapphischer Strophe vorstellen, aber auch andere Poeme, bei denen ich mir gestatte, ein wenig mehr auszuufern, zu mäandern...

 

 

Sappho: Hymne an Aphrodite

 

Die du thronst auf Blumen, o schaumgebor'ne

Tochter Zeus, listspinnende, hör' mich rufen,

Nicht in Schmach und bittrer Qual, o Göttin,

Laß mich erliegen!

 

Sondern huldvoll neige dich mir, wenn jemals

Du mein Flehn willfährigen Ohrs vernommen,

Wenn du je, zur Hülfe bereit, des Vaters

Halle verlassen.

 

Raschen Flugs auf goldnem Wagen zog dich

Durch die Luft dein Taubengespann und abwärts

Floß von ihm der Fittige Schatten dunkelnd

Ueber den Erdgrund.

 

So dem Blitz gleich stiegest du herab und fragtest,

Sel'ge, mit unsterblichem Antlitz lächelnd:

"Welch ein Gram verzehrt dir das Herz, warum doch

Riefst du mich, Sappho?

 

Was beklemmt mit sehnlicher Pein so stürmisch

Dir die Brust? Wen soll ich ins Netz dir schmeicheln?

Welchem Liebling schmelzen den Sinn? Wer wagt es

Deiner zu spotten?

 

Flieht er: wohl, so soll er dich bald verfolgen,

Wehrt er stolz die Gabe, so soll er geben,

Liebt er nicht, bald soll er für dich entbrennen,

Selbst ein Verschmähter.

 

Komm' denn, komm auch heute, den Gram zu lösen!

Was so heiß mein Busen ersehnt, o laß es

Mich empfahn, Holdselige, sei du selbst mir

Bundesgenossin.

 

Übersetzung von Emanuel Geibel