Gnaoua-Musik -  in ihr klingt   die Seele der Sahara

Der Junge hat Feuer gefangen

Er heißt Abderrahim, er ist 36 Jahre alt. Als er so 13, 14 war, hat er, der Junge aus einem Berberdorf bei Essaouira, einen "Mellem", einen Meister-Musiker der Gnaoua kennen gelernt. Der junge Abderrahim hat Feuer gefangen. Diese Musik ließ ihn nicht mehr los. Gemäß der alten Gnaoua-Tradition, wonach jeder, der einmal Meister werden will, klein anfangen muss, begann er zunächst ganz bescheiden die "crotales" zu spielen.  Das sind eine Art Castagnetten, einfache Rhythmus-Instrumente. Im Laufe der Jahre hat sich Abderrahim nicht nur technisch weiter entwickelt, sondern sich auch immer mehr in die Seele der Gnaoua eingefühlt. 

Wir lernen ihn, seine kalifornische Frau und das kleine Töchterchen an einem Januar-Tag kennen.

 

Die "Lilas" in der "Zaouia"

Abderrahim mit seinem Guenbri, einem traditionellen Instrument der Gnaoua
Abderrahim mit seinem Guenbri, einem traditionellen Instrument der Gnaoua

Abderrahim erzählt uns seine Liebesgeschichte mit der Gnaoua-Musik. 1998 hatte er die Chance, den großen Gnaoua-"Mellem" (Meister) von Essaouira, Abdullah, zu begleiten. Er erinnert sich vor allem an die "Lilas", die Zeremonien-Nächte. Die begannen gegen 20 Uhr und man spielte die ganze Nacht hindurch bis zum folgenden Mittag. 

In Essaouira gibt es auch noch eine "Zaouia", das ist ein Heiligtum der Gnaoua.  Wie  Abdelhafid Chlyeh in seinem Buch "Les Gnaoua du Maroc" bescheibt, liegt diese Zaouia Sidna Boulal in der Medina, nicht weit vom Meer entfernt. Man erzählt, dass im vorvergangenen Jahrhundert, oder vielleicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts, eine reiche Familie aus Essaouira den ehemaligen Sklaven, die in ihren Diensten gestanden hatten, ein Grundstück schenkte. Hier errichteten diese ihr Gemeinschaftshaus. Das Wasser des Brunnens auf diesem Grundstück soll heilende Kraft besitzen. Es heißt, er sei gegraben worden auf Anweisung von Salem, eines freigelassenen Sklaven, der die Gabe hatte, Wasseradern und Quellen aufzuspüren. 

 

La traurige Los der Sklaven

Moustapha chante
Moustapha chante

 

 

 

Abderrahim und seine Freunde Mustapha und Mohammed haben schon an vielen "Lilas" teilgenommen.Sie kennen auch die Geschichte der "Zaouia Sidna Boulal", die der Autor Chlyeh beschreibt.  "Die Gnaoua stammen aus d Guinea. Man hat sie als Sklaven nach Essaouira gebracht, wo es damals noch den großen Handelshaften gab", so Mustapha. Er erinnert an das schreckliche Schicksal dieser Sklaven, von denen die meisten nach Amerika verschifft wurden. Viele von ihnen haben die lange Reise im Schiffsbauch nicht überlebt.

 

Nachts sangen sie vom Heimweh

Abderrahim (à gauche) et Mohammed
Abderrahim (à gauche) et Mohammed

Manche dieser Sklaven hatten das "Glück", in Marokko bleiben zu können. Es waren die ersten "Gnaouas" (der Name leitet sich von "Guinea" ab). Tagsüber mussten sie hart arbeiten, so Mustapha. "Aber nachts sangen sie sich ihren Schmerz u und ihr Heimweh von der Seele. Das waren die Anfänge der Gnaoua-Musik."

Man sollte in der Tat unterscheiden zwischen der wahren, authentischen Gnaoua-Musik und anderen Musik-Richtungen, die sich auch Gnaoua nennen. Denn in Folge des jährlichen "Festival Gnaoua et musique du monde",  das seit 1998 meist im Juni stattfindet, hat sich eine Art kommerzieller "Boom" entwickelt, bedauert  Abderrahim.

Er selbst spielt mit mehreren großen Musikern während des Festivals, und 2001 hatten er und seine Kollegen sogar die Chance, auf der "großen Bühne" aufzutreten. Anschließend gingen die jungen Musiker auf Europa-Tournee mit dem "Mellem" Sadik. Mit seiner Gruppe  "Bâteau phare rouge" hat Abderrahim unter anderem in Rennes, in Paris, in der Schweiz.

Heute spielt Abderrahim  immer noch mit seiner Gruppe, dem "Boot roter Leuchtturm", und jetzt erlaubt er sich auch endlich, das Guenbri zu spielen, das Instrument der Meister.

Pour ceux qui aimeraient avoir des connaissances plus profondes sur le Gnaoua, le livre de Chlyeh soit recommandé:

Abdelhafid Chlyeh, Les Gnaoua du Maroc - itinéraires initiatiques transe et possession, Éditions Le Fennec - La pensée sauvage, ISBN: 2 85919 136 4.