Mogador war die Wind umtoste Wiege vieler Juden

Blick in Mellah, das einstige jüdische Viertel von Essaouira-Mogador
Blick in Mellah, das einstige jüdische Viertel von Essaouira-Mogador

 

Der  kalte Nordwind! Vom nahen Atlantik her stürmt er  ungebremst in die Mellah.  Die Mellah -  das was vom ehemaligen jüdischen Viertel in Mogador übrig geblieben ist. Die Häuser entlang der Stadtmauer in diesem nördlichen Teil der Medina von Essaouira, das auch einmal Mogador hieß, sind abgerissen worden. Zu baufällig. Der  Wind treibt Staub und Plastiktüten über den freien Platz vor sich her. Der Deutsche aus Frankfurt, der täglich die herrenlosen Hunde hier füttert – „komm, Olga, komm! Helmut, Luzie…“ – sitzt an der Mauer, umringt von seinen Schützlingen, die dankbar  ihre Mahlzeit herunter schlingen. Quer über das, was einmal die Moses-Straße war, die „Rue Moise“, läuft ein trübes, übel riechendes Rinnsal von grünlicher Farbe, das aus dem Kanal stammt.*

Synogoge der Gemeinschaft

Die Synagoge Slat Lkahal befindet sich über dem Torbogen, der die Mellah von der übrigen Medina trennt. Unterhalb der gegenüber liegenden Mauer, die die Ruinen der einstigen Häuser ein wenig vor den Blicken der Besucher schützt, liegen Katzen im Staub und dösen vor sich hin. Männer mit Schirmmützen stehen an der Mauer und rauchen.

Die Tür zur Synagoge  ist mit einem wuchtigen, rostbraunen Riegel und einem Vorhängeschloss verschlossen.  Doch wenn Haim Bitton sie geöffnet hat,  hängt er ein kleines Schild in die Türöffnung, auf dem Besucher in fünf Sprachen willkommen geheißen werden. Seit 2015 ist die Synagoge soweit restauriert, dass sie für Besucher zugänglich ist. Haim Bitton hat sich in den Kopf gesetzt, dieses jüdische Gotteshaus seiner Kindheit, die einst größte und einzige Gemeinschafts-Synagoge Mogadors, zu restaurieren.  Und dieses Ziel verfolgt er seit 2011 mit der ihm eigenen Unbeirrbarkeit.

1950 in Mogador geboren, emigrierte er mit seiner Familie 1964 nach Israel, nach Haifa. Später arbeitete er in den USA, mit Frau und Kindern hat er seinen Hauptwohnsitz in San Diego.  Doch seit Beginn der Restaurierung lebt er den größten Teil des Jahres  nahe des Bab Doukkala, des nördlichen Stadttors von Essaouira, unweit der Synagoge.

 

Die rauen Lieder von Mogador

Ihn hat es zurück gezogen wie viele andere, deren Wind umtoste Wiege hier stand.  Vermutlich singt und braust ihnen  der „Vent des Alizés“, der Passatwind, ewig in den Ohren. Vielleicht  werden sie  die schrillen Möwenschreie nie wieder los, das Brüllen und Toben des Atlantiks, diese rauen Lieder von Mogador, die herben, nach See und Sardinen riechenden Erinnerungen,  sie blieben  unter der Haut stecken.

Die Synagoge Slat Lkahal, was soviel wie Gebetsort der Gemeinschaft bedeutet, wurde in den Jahren nach 1850 erbaut. Um ihre Entstehung rankt sich eine wunderbar-skurrile Anekdote, eine irgendwie typisch jüdische. Salomon Knafo hat sie überliefert, Omar Lakhdar schildert sie in seinem Buch „Mogador Judaica“. In der  Mellah – das war die Bezeichnung der jüdischen Viertel in den Städten Marokkos – existierte eine   sogenannte „Hebra Hadicha“, eine  Gesellschaft, die den Toten der Gemeinde die letzten Ehren erwies.

Kein Platz mehr unterm Bett

Die Mitglieder der Hebra, die ehrenamtlich arbeiteten, hatten  keine Einkünfte. Daher gesellten sie sich unter die Trauergemeinden und sammelten Almosen. Diese Münzen verwahrte der  „Cheikh“,  der Vorsitzende  der Hebra, in leeren Konservendosen, in denen sich einmal Olivenöl, Sardinen oder Bohnen befunden hatten. Diese Dosen verstaute er unter dem ehelichen Bett. Eines Tages war kein Platz mehr unter dem Bett und guter Rat war teuer. Was machen mit dem Geld? Die Mitglieder der Hebra beschlossen auf den Rat des „Cheikhs“ hin, eine Synagoge zu bauen. Und so entstand Slat Lkahal, die größte, modernste und einzige kommunale Synagoge unter rund 40 Synagogen von Mogador.

 

Der große Exodus

Doch wie  alle Synagogen der Stadt – bis auf eine Ausnahme, die Synagoge Haim Pinto -  wurde sie  in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, 1972, geschlossen  und stand anschließend rund 40 Jahre leer. Fast alle jüdischen Bewohner Marokkos hatten bis Ende der 60er Jahre ihr Heimatland verlassen, meist in Richtung Israel. Zurück blieben verwaiste Synagogen, verlassene Häuser. Und wehmütige Erinnerungen bei vielen ihrer muslimischen Nachbarn, mit denen sie freundschaftlich und in Frieden gelebt hatten.

In die  leer stehenden Häuser zogen muslimische Familien ein. Undicht werdende Dächer hatten weitere Gebäudemängel im Gefolge, so dass in jüngerer Zeit ein Großteil der Häuser abgerissen werden musste, wegen Einsturzgefahr. Von daher der ungebremste Nordwind, der Staub und Abfall vor sich hin bläst.

Mogador war jüdisch 

40 Synagogen? Die Besucher sind meist total erstaunt, wenn sie von der  lange Zeit  sehr jüdisch geprägten Geschichte der Stadt erfahren. Denn Essaouira-Mogador war eine jüdische Stadt, vielleicht die jüdischste von ganz Marokko. Wenngleich diese Geschichte relativ jung ist, verglichen mit der uralten Besiedelung der Atlas-Täler und des Souss im Süden mit Emigranten aus dem gelobten Land. Die ersten Juden, so die Überlieferung, seien  schon zu Zeiten Davids und Salomons ins Land gekommen. Es ist nicht nachprüfbar. Doch etwa 80 Kilometer südöstlich  von Essaouira befindet sich  ein Dorf, das „Ait Daoud“ heißt,  was in der Berbersprache Amazight so viel wie „Leute von David“ bedeutet.

Der Hafen Timbuktus 

Sicher ist: Die ersten Juden kamen nach Mogador um 1750, gerufen von dem damaligen Sultan Mohammed Ben Abdellah. Es waren reiche Händler-Familien aus dem ganzen Land, weitere Familien folgten. Der Sultan gründete  den Hafen von Mogador, „le port de Timbouktou“, von dem aus der gesamte Handel der afrikanischen Westküste nach Europa und den USA erfolgte. Heute ist er nur noch ein kleiner Fischer-Hafen.

Die Rabbis der Familie Knafo

Der erste Rabbiner der neuen Synagoge der ganzen jüdischen Gemeinde von Mogador war ein Berber-Jude - oder jüdischer Berber? Er hieß Jussef Knafo und seine Vorfahren stammten aus dem Souss, einer Region südöstlich von Essaouira, nördlich der Sahara. 1859 trat er seinen Dienst in „Slat Lkahal“ an.

 

 

Siehe auch folgende Seiten: "Synagoge Slat Lkahal" und "Régine- Reise in die Vergangenheit"