Er restaurierte die Synagoge seiner Kindheit:  Haim Bitton

Haim Bitton
Haim Bitton

Wer durch das nordöstliche Stadttor, das Bab Doukkala, die Medina von Essaouira-Mogador betritt und sich unmittelbar nach rechts wendet, gelangt in ein seltsames Viertel, seit Jahrzehnten aufgegeben, trist: die Mellah, den einstigen Wohnort von tausenden jüdischer Bürger und Bürgerinnen Mogadors.

 Bis zu den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind fast alle Juden ausgewandert, meist nach Israel, viele auch nach Frankreich oder Kanada.

 Die einstige Hauptstraße der Mellah, die rue Moise, die Moses-Straße, existiert nicht mehr. Die Häuser auf der Seite der Stadtmauer sind abgerissen worden, Sand und Abfälle sind geblieben, auf Leinen flattert Wäsche im Wind, Katzen und Hunde sonnen sich im Schutz der Mauer.

 Doch einige Gebäude ragen heraus aus dieser Ansammlung des Verfalls: Kurz hinter dem Torbogen kündet ein Schild, um was es sich hier handelt: „Synagoge Slat Lkahal“.

 Der Mann, dem diese Restaurierung zu verdanke ist, heißt Haim Bitton.

 Bitton ist unweit der Mellah geboren und aufgewachsen, er spricht noch heute ein waschechtes Marokkanisch-Arabisch. 1964 emigrierte er mit seiner Familie nach Israel, nach Haifa, wo er studierte. Später, von seinem Arbeitgeber, der Fluggesellschaft El Al nach den USA entsandt, arbeite er dort, heiratete und gründete eine Familie. Im Jahre 2008 besuchte er seine alte Heimatstadt Mogador, auf der Suche nach den Spuren jüdischen Lebens, das einmal hier sehr bestimmend war.

 

Zufällig entdeckte er auf einem Gang durch die Mellah den von Schutt und Steinen verbarrikadierten Eingang eines Gebäudes, das ihm bekannt vorkam. Obwohl es gefährlich und schwierig war, die baufällige Treppe zu erklimmen, gelangte er ins erste Stockwerk, wo er sich Bergen von Trümmern und den Zeugnissen von Zerstörung gegenüber sah.

 Es war der Anblick des „Heikhal“, einer Art hölzernen Wandschranks, in dem einst die heiligen Schriften aufbewahrt wurden, der in ihm eine Erinnerung wachrief: Dieser Heikhal war noch fast intakt und es war der Heikhal der Synagoge seiner Kindheit und Jugend: Slat Lkahal.

 Haim Bitton beschloss, diese Synagoge zu restaurieren.

 2011, nachdem er sich aus dem Berufsleben zurückgezogen hatte, kehrte er in seine Heimatstadt zurück, um seine Pläne in die Tat umzusetzen.

 Zuerst galt es, einen Verein als Träger des Projektes zu gründen, „Asl Mogador“. Dieser Verein wird seit 2012 von der Unesco unterstützt, um das kulturelle Erbe jüdischen Lebens während mehrerer Jahrhunderte in Mogador zu wahren.

 

Das Vorhaben erwies sich als nicht einfach. Denn bevor mit der eigentlichen Restaurierung begonnen werden konnte, musste erst einmal der Ort von Trümmern und Abfall befreit werden. Die Synagoge war während der 40 Jahre, die sie verwaist war, ausgeplündert und verwüstet worden. Die Diebe waren durch das Dach der Terrasse eingedrungen und hatte alles, was nicht niet- und nagelfest war, mitgenommen.

 Nach und nach wurden die Eingangstür, das Dach, Bodenfliesen, Wände, Fenster, Sitzbänke erneuert, so dass sich der Gebetsraum heute in einem Zustand präsentiert, der dem originalen sehr nahekommt. Es folgten nach und nach die zusätzlichen Räume, unter anderem auch die Empore, die einst den Frauen vorbehalten war.

 Das alles geschah mit äußerst bescheidenen Geldmitteln: 80.000 Euro hatte Bitton zur Verfügung, eine gemessen an dem Umfang des Vorhabens geringe Summe. Dass er damit auskam, ist seinem geschickten Vorgehen zu verdanken: Ein befreundeter Architekt und Jugendfreund, Jonathan Myara, auch er ein Mogadori, erstellte kostenlos den Plan; Haim Bitton war stets selbst vor Ort und beschäftigte einzig Arbeiter und Handwerker aus der Umgebung, für ihn auch ein Beitrag zur jüdisch-muslimischen Freundschaft. Dennoch war er auch stets auf Spenden angewiesen.

 Sieben Jahre dauerten die Arbeiten; im Oktober 2017 wurde die Synagoge schließlich eingeweiht. Zu diesem Anlass waren mehr als hundert Menschen, meist aus Israel, angereist.

 
 


Eine junge "Mogadorienne" arbeitet als "guide"

 

 

 

Seit 2018 stellt Jihane, eine junge Frau aus Essaouira, Besuchern aus aller Welt die Synagoge Slat Lkahal vor. Vor der Covid 19-Pandemie waren täglich interessierte Touristen zu Besuch. Jihane und Haim Bitton hoffen, dass die Synagogue bald wieder für Interessierte geöffnet werden kann.


Die Stationen der Restaurierung