Le souvenir de Max  und die Rose des  kleinen Prinzen

 

Samir hatte vor Jahren ein Kamel namens Max. Er hatte für Max eigens einen Ausweis anfertigen lassen, mit Foto, Name, Alter und Stempel. Max bleckt auf dem Foto die auseinander stehenden Zähne und rollt die Augen. „Ich hatte ihm vorher ein Kaugummi ins Maul gesteckt“, sagt Samir. Max hatte ein sandfarbenes Fell und blaue Augen.

Vermutlich lebt Max nicht mehr. „Ein Typ hat ihn mit dem Messer verletzt, weil er neidisch auf mich war“, erzählt Samir. Da verkaufte er Max, weil dieser nun nicht mehr für Touristen-Touren geeignet war. „Das hat mich schwer geärgert“, sagt Samir, „denn nun war Max nichts mehr wert“.

Ein anderes Mal jedoch erzählt mir Samir eine anders lautende Geschichte über Max. Nach dieser Version hatte er das Kamel im Wald angebunden und ihm Mais zu fressen gegeben. Nachts sei ein Wildschwein gekommen und habe Max mit seinen Stoßzähnen verletzt, weil es an den Mais in Maxens Magen heran kommen wollte. Er, Samir, habe das Kamel schließlich am nächsten Morgen verletzt gefunden. „Er hat nach mir gebockt, weil ich ihn vernachlässigt hatte“, seufzt er.

Ich schüttele bedauernd den Kopf, als ich mir das arme, angebundene Kamel vorstelle, das sich nicht gegen das Wildschwein wehren kann.

Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob diese Version der Geschichte stimmt. Denn Samir neigt dazu, mal dies, mal jenes zu erzählen, grad, wie es seine Stimmung ihm eingibt. Mir fällt dazu die Story mit seinem Auto ein. Samir hatte einmal ein Auto, einen Peugeot Partner. Mit dem fuhr er unter anderem Touristen durch die Gegend. Mal nach Marrakesch, mal nach Safi, wie es gerade passte.

„Und warum hast du das Auto verkauft?“ will ich wissen. „Weil ich ein Doofkopf bin, un connard“, erklärt Samir und schaut grimmig drein. Das mit dem Doofkopf mag stimmen, aber es scheint nicht die einzige Erklärung für den Auto-Verkauf zu sein, wie sich ein wenig später heraus stellt. Da nämlich enthüllt mir Samir, dass er den Peugeot Partner verkaufen musste, weil er eine Wohnung gekauft und zu spät bedacht hatte, dass noch zusätzlich Kosten für den Notar anfallen würden. „Was sollte ich anderes tun als den Partner verkaufen…“ seufzt Samir.

„Armer Kerl…“, murmele ich, und es ist mir selbst nicht ganz klar, wen ich meine: Samir oder Max oder beide.

Samir versinkt in Nachdenken. Er kräuselt die Lippen und runzelt die Stirn. Ich entdecke, dass seine Bartstoppeln – er hat sich offenbar seit zwei Tagen nicht rasiert – schon leicht angegraut sind. Er ist auch kein junger Hüpfer mehr. Ich spüre Rührung in mir aufsteigen, und die Augen werden mir feucht. „Na ja“, meine ich, „du hast schon Recht (obwohl Samir gar nichts gesagt hat). Bei uns in Europa werden Tiere auch nicht wirklich gut behandelt. Wenn ich an die Massenhaltung zum Beispiel von Schweinen denke, brrh, es schüttelt mich!“

Samir schaut mich verständnislos an. Das Thema interessiert ihn nicht wirklich. Seine Gedanken mäandern, verlieren sich und fließen wieder zusammen an einem Punkt. „Wenn ich das neue Kamel habe, dann wirst du sehen, wie ich loslege. Alle Hotels arbeiten ja jetzt schon mit mir, du weißt. Dann kann mich keiner mehr bremsen!“ Samir blickt grimmig entschlossen.

„Wirst du das neue Kamel auch Max nennen?“ will ich wissen. Samir schüttelt zögernd den Kopf. „Nein, es gab nur einen einzigen Max: meiner…“ „Das ist ein wenig wie mit der Rose des kleinen Prinzen“, sage ich. „Was für eine Rose?“ Samir scheint verwirrt. „Der kleine Prinz hatte eine Rose, die auf seinem Planeten wuchs. Er glaubte, es sei die einzige Rose der Welt. Doch als er auf die Erde kam, entdeckte er, dass es unzählige gleiche Rosen gibt. Das machte ihn traurig. Doch dann begriff er, dass seine Rose wirklich einzigartig war, nämlich weil es seine Rose war und er eine Beziehung zu ihr hatte. So ist das auch mit Max gewesen.“

Ich hatte Samir ein Jahr zuvor das Buch vom kleinen Prinzen geschenkt. In Französisch und Arabisch. Doch offenbar hat er nie hinein geschaut, was ich übrigens voraus gesehen hatte. Er hält sich nämlich für erwachsen, und solche Bücher sind nichts für Erwachsene.

„Dann nennst du eben dein neues Kamel anders. Vielleicht ‚Maurice‘?“, schlage ich vor. „Dann ist es zwar kein Ersatz für Max, aber ein Äquivalent.“

Aber Samir hört schon nicht mehr hin. Er hat eine Gruppe von Touristen ins Visier genommen und zückt Rucksack und Visitenkarten. „Un tour de dromadaire? Avec pique-nique? Tajine de poisson ou couscous?“ höre ich ihn fragen, während er in jovialer Haltung neben den Leuten hergeht. Ich seufze und trinke meinen Kaffee aus. Trotzdem, irgendwie ist er schon ein wenig wie der kleine Prinz. Ein wenig. Er weiß es nur nicht.