Luzifer, der Teufelskater, ist der     Ober-Tragöde unter den Katzen

Ich brauche keinen Wecker. Ich habe Luzifer.     

Luzifer hat eine verteufelt laute und schrille Stimme, und er benutzt sie gnadenlos, in den frühen Morgenstunden. Ab etwa sechs Uhr sitzt er zwischen Haustür und Eisengitter und lauert. Irgendwann, so gegen sieben, manchmal auch etwas später, manchmal etwas früher, fängt er an zu heulen.

Ich, die ich mich eventuell gerade von dem ebenfalls gnadenlosen Muezzin zu erholen beginne, fahre aus den Kissen hoch. Noch nie, wirklich nie zuvor kannte ich eine Katze mit einer solch tragenden Stimme und einem solchen Ausdrucks-Repertoire wie Luzifer. Und ich kannte schon viele Katzen, von denen es hier auch keinen Mangel gibt.

Zu Beginn miaut er probeweise einmal kurz und schrill. Um zu testen, ob sich im Hause etwas rührt. Denn er verfügt auch über ein überirdisch feines Gehör. Wüchse hier zurzeit noch Gras – es ist aber zu trocken -, ich bin sicher, er hörte es wachsen. Wenn ich mich nach jenem ersten stimmlichen Test nicht rühre, fährt er bald fort, in regelmäßigen Abständen ein schrilles, Ohren schmerzendes „Miiiauuuuuu!!!“ auszustoßen.

Wenn er besonders großen Hunger hat, kann es sein, dass er sich zu regelrechten Wutausbrüchen hin steigert. Gäbe es ein Katzen-Theater, Luzifer spielte überall die tragenden Rollen als Ober-Tragöde.

 Manchmal wechselt er auch den Standort. Dann springt er auf das Fenster vom „Salon“ und versucht, es unter großem Rumoren und Kraftaufwand mit seiner Pfote aufzuschieben. Da es ihm nicht gelingt - ich habe die Scheibe vorsichtshalber mit Tesafilm (ich weiß, das ist nicht sehr vornehm) katzensicher gemacht – wird er noch zorniger und gibt weitere  Kostproben seiner stimmlichen Vielfalt.

Ich glaube, er schreit besonders laut zu Zeiten des zunehmenden Mondes. Dann frisst er auch mehr, analog zum Himmelstrabanten, der sich ebenfalls  breit und rund macht. An einem Morgen im Monat bleibt er jedoch stumm. Es mag dies der Tag des absoluten Dunkelmondes sein. Vielleicht sind sein  tierischer Hunger und die Energie seiner Stimmbänder dann auf dem Tiefpunkt.

Wenn ich ihn einlasse, setzt er ein Pokerface auf und spaziert  zum Futternapf, wo er sich in aller Gemütsruhe das Ränzlein füllt. Was er übrig lässt, und noch ein bisschen Zuschlag, bekommt Monsieur Leblanc serviert. Der wartet schon unter dem Küchenfenster. Er hat eine ganz leise und helle Stimme und ist ein abgeklärter, feiner alter Kater-Herr.

Mir scheint, Luzifer und Monsieur Leblanc sind so etwas wie Gegenpole: schwarz und weiß, laut und leise, rücksichtslos und gesittet, kurzhaarig und langfellig. Eine Art ausbalancierte Kater-hafte Ganzheit. Dabei gehen sich die Beiden aus dem Weg. Als gäbe es den jeweils Anderen nicht.