Die Schildkröten-Frau oder: Nachts, wenn der Teufel kommt...


Es war ein Tag im September, wind-arm, wir saßen auf der Terrasse des „L’Atlantique“ und tranken Kaffee. Die Flut war dabei, sich zurück zu ziehen, und Hunderte von Möwen besiedelten die nassen Flächen, die das Meer wieder dem Sand überlassen hatte.

„Den Teufel gibt es, ich kenne ihn. Er besucht mich oft nachts. Er kitzelt mir am rechten Ohr, dringt in meine Adern ein. Dann lese ich schnell im Koran, und er verzieht sich.“ Samir lacht, als er dies erzählt. Seine weißen Zähne im braunen Gesicht blitzen. Mit lebhaften Gesten unterstreicht er seine Geschichte vom nächtlichen Teufels-Besuch.

Ich bin elektrisiert. Einen Moment lang fällt mir Luther ein, der ein Tintenfass nach dem Teufel geworfen haben soll, wovon noch heute angeblich ein Fleck in der Wartburg kündet, wenn ich mich recht erinnere.

„Bist du sicher, dass es der Teufel ist?“ frage ich. „Absolut!“, sagt Samir und nickt heftig. „Siehst du ihn auch?“ will ich wissen. „Nein, aber ich spüre ihn, er will in mich eindringen, doch der Koran hält ihn davon ab.“

Ich versinke eine paar Augenblicke in Nachdenken, während Samir mich erwartungsvoll anschaut. Und ein wenig verlegen auch. „Ich weiß“, sage ich, „dass es den Teufel gibt. Ich kenne ihn auch. Übrigens, die schlimmsten Teufel sind die, die man in sich selbst hat. Die eigenen Teufel sind die schlimmsten…“

Samir nickt zerstreut, doch ich sehe ihm an, dass er mich nicht ganz versteht. Seine Teufel sind außen, meine sind innen. „Das hat angefangen, als ich ungefähr elf, zwölf war. Damals in Fès. Wir schliefen alle auf der Terrasse, nachmittags, die Mutter, die Brüder und Schwestern, ich. Dann sind alle wieder hinunter gegangen, alle hatten etwas im Haus zu tun, und sie haben mich weiterschlafen lassen. Plötzlich werde ich wach durch ein – ich weiß nicht, war es ein Zischen oder ein Brausen – und es schnürt mir den Hals zu. Ich fahre hoch, versuche zu schreien, doch kriege keine Luft. Vor mir sehe ich etwas unermesslich großes, monströses, das sich bis in den Himmel erstreckt. Ich schaue zu Boden und sehe gelbe Babouches, riesige gelbe Babouches… Sie gehören einer Gestalt, die eine unglaublich große Djellabah trägt… Wo ist der Kopf der Gestalt? Ich schaue nach oben, die Gestalt reicht bis in die Wolken, und immer noch sehe ich keinen Kopf. Dann plötzlich kann ich einen winzigen, hässlichen Schildkröten-Kopf erkennen. Einen runzligen, braungrauen Schildkröten-Kopf. Eine Schildkröte! Wieso? Wieso das alles?! Ich kann endlich schreien. Ich schreie nach meiner Mutter: ‚Mamaaa! Maaamaaa…!‘ Sie kommen und rütteln mich. Hast du geträumt? fragen sie. Ich zittere und kann mich lange nicht beruhigen. Meine Mutter tröstet mich. Ich tue so, als sei alles in Ordnung. Aber ich kann die Erscheinung nicht vergessen. Und seither weiß ich, dass es den Teufel gibt.“

Samir schweigt. Ich schweige. Dann frage ich: „Woher willst du wissen, dass diese Erscheinung der Teufel war?“

Aus Samir sprudelt es nur so hervor. „Dieser winzige Kopf, dieser kleine, hässliche Schildkröten-Kopf!“ Er schüttelt sich und verzieht angewidert den Mund. Er hat einen großen, beweglichen Mund. Ich betrachte ihn fasziniert.

„Warum…“ setze ich wieder an zu fragen, doch er unterbricht mich. „So hässlich, so winzig, im Verhältnis zu diesem riesigen Körper! Das war der Teufel, oder ein Djinn, ist sowieso das Gleiche, ich hab‘ keinen Zweifel, das einzige, was hilft, ist der Koran!“, und er macht eine entsprechende Handbewegung, als halte er ein Buch schützend vor sein Herz.

„Warum glaubst du…“, will ich fragen, doch Samir wirft mir einen wilden Blick zu. „Keine Nacht kann ich schlafen, keine Nacht! Immerzu versucht er, in meine Nerven, in meine Blutbahnen zu gelangen. Ich schlage dann den Koran auf und lese laut.“ Samir murmelt etwas vor sich hin, aus dem ich immer nur das Wort „Allah“ heraushöre.

Wieder schweigen wir einen Moment. „Warum glaubst du…“, setze ich erneut an,  doch Samir holt plötzlich sein Handy aus der Tasche und wählt eine Nummer. Dann redet er schnell und laut auf Arabisch, wobei er eifrig gestikuliert. Er sitzt auf der Mauer in der Sonne und redet und gestikuliert und lacht und sagt schließlich „Inchallah“, so Gott will, und legt auf.

„Das war der Maurer“, sagt er und seufzt. „Ich muss endlich das Loch in der Mauer neben dem Bett zumachen lassen.“ „Was für ein Loch?“ will ich wissen. Doch Samir hat keine Zeit mehr zu antworten. „Merci!“ sagt er und wirft mir einen strahlenden Blick zu, denn ich werde den Kaffee bezahlen, „bis morgen“, und dann schlendert er lässig an den Tischen und Gästen und Sonnenschirmen vorbei dem Ausgang zu. Das letzte, was ich von ihm sehe, als er um die Ecke biegt, ist seine Hutkrempe. Ein wenig erinnert er mich immer an einen jener smarten Cowboys in den Western-Filmen, jene Typen, die plötzlich hinter der Schwingtür zum Saloon auftauchen, grinsen und im nächsten Moment den Colt ziehen. So einer ist Samir nicht, aber trotzdem…