Affenschatten und Steppenwölfe und der Schatten von Jimi Hendrix


 

Diese merkwürdigen geometrischen Bäume. Wie mit Lineal und Winkelmesser gezeichnet. Sie heißen „Araucaria heterophylla“ oder Norfolk-Pinie, wie ich im Internet nachlesen konnte. Dieser Baum trotze wie kaum ein anderer Wind und anderen Unbilden, erfahre ich. Wie diese Pflanze von der britischen Nordseeküste nach Essaouira-Mogador kommt? Niemand weiß es, doch ich vermute mal, die englischen Geschäftsleute,  die hier bis ins frühe 20. Jahrhundert ansässig waren und eifrig Handel mit dem Mutterland trieben, haben diesen sperrigen Baum wohl einst aus ihrer ebenfalls Wind zerzausten Heimat ins Wind zerzauste Mogador mitgebracht.

 Mein Freund Samir kennt auch den Spitznamen der Araucaria: „ombre de singe“, Affenschatten. Der gefällt ihm weitaus besser als der vornehme lateinische Begriff, und er versäumt es nie, Touristen anschaulich vorzuführen, wie die Affen im Schatten der spitzwinkligen Zweige schaukeln und Schabernack treiben. (Allerdings las ich, dass es auch den Ausdruck: "désespoir des singes" gibt, Verzweiflung der Affen, und das scheint mir durchaus sinnvoll, denn die luftig angeordneten Blätter der Bäume bieten so wenig Schatten, dass nicht nur Affen verzweifeln könnten.) 

 Die Araucaria ist überall in Essaouira zu finden, doch vor allem verziert sie die Anlagen des Golfplatzes unterhalb des ehemaligen Fischerdorfes Diabat, was auf Deutsch „Wölfe“ heiße, wie Samir versichert. Affen und Wölfe. Und Jimi Hendrix. Dieser und andere Vertreter der Hippie- und Musiker-Szene hatten sich in den sechziger Jahren Essaouira-Mogador und speziell den zerfallenen Palast des Sultans Mohammed Ben Abdellah gegenüber von Diabat als Bleibe ausgesucht.

 Affen, Wölfe und Jimi Hendrix, dessen Konterfei überall in der Stadt und natürlich im Jimi-Hendrix-Café in Diabat zu sehen ist. Und reiche ausländische Golfer, die den Einheimischen das Wasser abgraben, das sie für ihre Greens brauchen. Aber das sind schon viel zu viele Geschichten, und ich wollte doch nur vom Leben in Mogador erzählen. Und von Samir, der ja aus Fes stammt, der stolzen Königsstadt im Norden, aber der schon so lange in Essaouira lebt, dass er getrost als Einheimischer gelten kann.

(Wieso eigentlich Essaouira auch Mogador heißt und umgekehrt, das ist wiederum eine Geschichte, noch eine. Es sind einfach zu viele Geschichten, die sich in dieser Stadt eine über die andere legen und sich miteinander vermischen und verweben, verstauben, vertrocknen und verblassen, irgendwann wieder entdeckt, entwirrt, aufgefrischt und neu gewebt werden, in neuen Mustern, neuen Mischungen…)

 Samir interessiert sich nicht besonders für alte Geschichten. Oder wenn, dann nur als amüsante Anekdoten für Touristen, die er herumkutschiert oder denen er Ausflüge per Dromedar und Pferd anbietet. Dabei nimmt er es mit der Wahrheit nicht so genau, besser gesagt, seine historischen Kenntnisse sind eher bescheiden, aber die meisten Touristen sind auch nicht so arg anspruchsvoll.

 Samir liest nichts mehr, außer dem Koran. Vor einiger Zeit schenkte er mir einige Bücher, die ihm Touristen überlassen hatten. In Englisch, Französisch und Niederländisch geschriebene Bücher. Samir behauptet, sie gelesen zu haben, doch das glaube ich nicht. „Ich finde“, sagt er, „dass man, wenn man ein Buch gelesen hat, es weitergeben soll“.

 Ich widerspreche. Ich lese viele meiner Bücher mehrmals, und jedes Mal entdecke ich Dinge, die ich zuvor nicht bemerkt hatte. Kürzlich zum Beispiel las ich den „Steppenwolf“ wieder, in Französisch, „Le loup des steppes“, und da war es auch, dass ich den Namen der Araucaria wieder fand, den ich nicht hatte behalten können. Aber auch das ist schon wieder eine eigene Geschichte, wie auch das Wölfische der Orte  und die Seelenverwandtschaften...

 Samir also findet den Koran als einzige Lektüre fürs Leben ausreichend. Als sein kleiner Sohn gerade zwei war, brachte er ihn in eine Koranschule, die in der neuen Moschee im Norden der Stadt untergebracht ist. An einem Nachmittag sollte ich den Kleinen von dort abholen. Als ich ankam, entdeckte ich das ansonsten sehr lebhafte Kind, das Samir eigens zu dem frommen Anlass in eine Djellabah gesteckt hatte, das lange Kapuzengewand, apathisch in einer Ecke zusammen gekauert.

 Ich erklärte dem Lehrer, dass ich den Kleinen abholen sollte. Der Mann beschied mir schroff, dass das nicht ginge. Erst nach einigen Telefonaten mir Samir und unerquicklichen Diskussionen mit dem Lehrer gelang es mir, das Kind von jenem Ort  wegzubringen.

 Nach einer Woche war Samir von seinem Plan, den Kleinen schon ab dem Alter von zwei Jahren zu einem großen Koran-Gelehrten ausbilden zu lassen, abgekommen. Nun geht das Kind in einen normalen Kindergarten, wo es mit Autos spielen kann und in zwei Minuten zu Hause bei seiner Mutter sein kann.

 Aber ich weiß – denn inzwischen kenne ich Samir recht gut - dass er seine Koran-Pläne nicht vergessen hat. „Man braucht keine anderen Bücher als den Koran“, sagt er. Ich sage: „Vielleicht hast du Recht, aber nur Leute, die schon ganz viele andere Bücher gelesen haben, können das beurteilen.“ Doch das glaubt Samir nicht. Er ist ein Fall für sich.