"Chamelieronaden" oder: Kamele machen Geschichten

Ich gestehe: Ich bin ein Fan von Dromedaren, den Kamelen aus der Sahara. Klar, in Essaouira kommen heutzutage keine Karawanen mehr an, die Waren und Schätze mit sich führen. Die einhöckerigen Kamele dienen nur noch dem Vergnügen der Touristen. Ich finde aber, diese hochnäsigen, eigensinnigen Tiere haben mehr verdient: Zum Beispiel einige Geschichten.

Geschichten kann man nie genug hören, lesen oder selbst erzählen. Und in einer Stadt wie Essaouira stoplert man ständig über skurrile Geschichten. Einige davon will ich hier berichten. 

 

Keines ist wie Max

An einem Samstagmorgen um acht holt mich Samir ab, um zum Kamel-Souk nach Hadra zu fahren. Er will sich endlich ein eigenes Dromedar kaufen. „Mal sehen, ob ich eines finde, das so schön ist wie Max“, meint er. Am Kreisel unten biegt er ab auf die Autobahn nach Marrakech. Die Autobahn ist neu, ziemlich leer und ab und zu verirrt sich auch mal ein Esel oder ein Radfahrer darauf.

Bei Douar Laarab, am Straßenrand, warten Mustapha und Abdelrahim auf ihn.  Mustapha trägt wie immer ein blaues Tuch als Turban um den Kopf geschlungen. Abdelrahim trägt das blaue Tuch um den Hals und auf dem Kopf eine Mütze mit einem großen Schirm, unter dem sein Gesicht fast verschwindet. Abdelrahim besitzt die Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen. Er ist klein und schmal und schafft es, mit seinem Hintergrund zu verschmelzen, so dass man ihn nicht optisch wahrnimmt. Aber als er jetzt ins Auto gestiegen ist, füllt sich dieses mit einem seltsamen Geruch, einer Mischung aus Rauch, Staub und Kamel.

Die beiden Chameliers und Samir wechseln lachend einige Worte, dann versinken die beiden auf den Rücksitzen in Schweigen. Samir fängt mit mir ein Gespräch über Politik an. Die Verhältnisse in Ägypten, in Syrien und Afghanistan. Ich glaube, dieses Gespräch dient dazu, meine geschlechtsneutrale Rolle in Bezug auf ihn zu unterstreichen. Richtige Frauen verstehen ja eigentlich nichts von Politik. Und sie tragen keine Trapper-Jacken und Wanderschuhe und haben keine kurz geschnittenen Haare.

Es ist Februar und die Landschaft beginnt zu erwachen. Es hat vor kurzem geregnet, und nun haben sich die Arganbäume, die ich schon verdorrt glaubte, in ein noch zartes Grün gekleidet. Die Olivenbäume leuchten silbrig im Sonnenlicht. Ein bräunlich-goldener Schimmer hüllt die Mimosenbäume ein, Bote der baldigen Blüte. Dann kommt die schnurgerade Allee nach Hadra, gesäumt von mächtigen Eukalyptusbäumen, deren Stämme weiß gekalkt sind. Zweimal begegnen wir Schildkröten, die die Straße überqueren. Samir fährt vorsichtig um sie herum.

In Hadra stellt Samir das Auto am Straßenrand ab und wir gehen in Richtung Kamel-Souk. Zuvor durchqueren wir den großen Platz, wo die Berber der Umgebung Kühe und Kälber, Schafe und Ziegen zum Verkauf anbieten. Ich schaue schnell weg beim Anblick der kleinen Kälber, denen die Vorderfüße zusammen gebunden sind und deren Augen voll Panik sind.

Der Kamel-Souk ist von einer Mauer umschlossen, eine große Eisenpforte steht offen und lässt den Blick frei auf ein unüberschaubares Gewimmel von Dromedaren und Menschen. Die Menschen sind alle männlichen Geschlechtes, meist in zimt- und erdfarbene Djellabahs gehüllt, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Die Dromedare unterscheiden sich in Alter, Größe, Farbe und Geschlecht. Die drangvolle Enge löst bei einigen der Tiere Angst aus. Sie schreien laut und flehend, bäumen sich auf und werden von ihren Chameliers in Schach gehalten, meist unsanft mit Stockschlägen.

Samir verschwindet mit Mustapha und Abdelrahim im Gewimmel der Dromedar- und Menschenleiber. Ich klebe in einer Ecke nahe dem Eingang und bemühe mich, souverän die neugierigen Blicke aus gegerbten Berber-Gesichtern zu übersehen. Doch da ich nicht besonders imposant bin, übersieht man auch mich oft genug und rückt mir bedenklich nahe auf die Pelle und ich bekomme einige Male beinahe den Inhalt einer Nasenfüllung ab, die jemand mit geräuschvollem Schnäuzen und mit Hilfe von Zeige- und Mittelfinger von sich schleudert.

Manchmal rückt eines der Dromedare aus und stürmt in die Richtung, wo ich mich befinde, was in mir einen Fluchtimpuls auslöst. Doch ich bleibe. Hin und wieder kommt Samir zu mir und berichtet grinsend von dem einen oder anderen Kamel, das eventuell in Frage käme, aber keines ist so schön wie Max.

Irgendwann kommt ein Mann mit einem noch jungen, hübschen Kamel, dessen Farbe exakt so ist, wie man sich die von Kamelen vorstellt. Also von Kamelhaar-Mänteln, zum Beispiel. Dieses Tier hat ein Fell aus ziemlich dichter, krauser Wolle und schaut unter langen Wimpern aus freundlichen braunen Augen in die Welt. Sein Herr scheint in das Tier verliebt: Er krault ihm das Fell und lehnt sich gegen seinen Hals, was es sich gutmütig gefallen lässt. Mir scheint, als lächele das Tier.

„Schau mal“, sage ich zu Samir, als er das nächste Mal auftaucht, „das ist ein wirklich schönes, sympathisches Kamel“. Samir findet dies auch, doch das Tier ist zu jung. Höchstens ein Jahr alt, meint Samir. Zu jung, um Touristen durch die Dünen zu tragen. Schade.

Im Hintergrund bäumen sich einige große, rauchgraue Tiere gegeneinander auf, um zu kämpfen. Dazu stoßen sie gellende Drohschreie aus. „Um diese Jahreszeit wittern die männlichen Kamele die Weibchen. Da kommt es zu Rivalitäten“, sagt Samir und grinst vielsagend. Ziemlich grob werden die Rivalen auseinander gezerrt.

Ein junges, mokkabraunes Dromedar schreit herzerweichend nach seiner Mutter. Neben mir haben sich einige verwitterte Männer zueinander gesellt und unterhalten sich laut und gestenreich in der Berbersprache Chloeh. Dazwischen spucken sie in weitem Bogen aus und ich kann ihre braunen, lückenhaften Zähne sehen. Samir hat schöne weiße Zähne, die blitzen, wenn er lacht.

Irgendwann kommen Samir, Mustapha und Abdelrahim zurück, ohne ein geeignetes Kamel gefunden zu haben. „Entweder zu jung, oder zu aggressiv, oder sonst was nicht ok“, sagt Samir. Und sowieso war keines darunter, das Max das Wasser hätte reichen können. Vielleicht hat man nächsten Samstag mehr Glück. Mal sehen.